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kommt der Insiderbericht von einer Veranstaltung, bei der man selbst als
programmierungsunkundiger, aber kulturinteressierter Mensch noch auf seine
Kosten kommt!
Am Samstag, den 12. August 2006 schauten wir von JOLT Cola Deutschland
bei der Evoke 2006 rein, der zweitgrößten
deutschen Demoparty!
Bei
Demos handelt es sich z.B. um kurze computeranimierte Filmchen mit coolen
Grafikeffekten und schmissiger Musik. Das technisch Besondere ist daran,
dass sie in Echtzeit vom Computer berechnet und nicht wie ein Film abgespielt
werden. Demoszener
machen es sich folglich zur Aufgabe, aus ihren tollkühnen Kisten
das Äußerste herauszukitzeln. Das Tüfteln geschieht jedoch
nicht einsam im stillen Kämmerlein, sondern in Teamarbeit mit Spezialisten
für die Bestandteile Programmierung, Grafik und Musik. Im Idealfall
bilden diese Zeitgenossen dabei über das Internet weltumspannende
Gruppen und begegnen sich auf Partys wie der Evoke
auch mal in Fleisch und Blut. Auf solchen Partys gibt es Wettbewerbe in
verschiedenen Kategorien: auf der Evoke beispielsweise zum besten Remix
des Invitation Song "Jump Aboard!" von Palerider / Haujob.
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Wir
konnten direkt mit Faxe (Timo
Eismar), einem der vier Main Organizern und Vorstandsmitglied
von Digitale Kultur e.V., sprechen. Er selbst ist Programmierer
für Windows-Anwendungen und seit 11 Jahren in der Demoszene
aktiv.
Neben
der größten deutschen Party für die reine Demoszene,
der Breakpoint an Ostern mit 700 Besuchern, besticht die Evoke durch
ihre lockere und familiärere Atmosphäre. Sie findet seit
1997 in der Gegend um Köln statt, wo interessanterweise die
Demoszene Deutschlands mit am größten ist. Monatlich
findet in der Stadt am Rhein ein Scene Meeting mit rund 40 Leuten
statt zum Erfahrungsaustausch. |
Der Name dieser Party kam zufällig, aber dennoch passend zustande:
ein Ansi-Artist hatte seinen Dictionary auf der Suche nach Anregungen
bei diesem Stichwort aufgeschlagen! Somit beschreibt das Wörtchen
"hervorrufen" vielleicht auch den Unterschied zu den weit verbreiteten
LAN-Partys: statt nur mit Kopfhörern vorm Computer zu sitzen, Spiele
zu zocken und vom Tischnachbarn nur über den Chat etwas mitzubekommen,
gehen Demoszener einen bis mehrere ;) Schritt weiter.
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Ihrer
Förderung hat sich der 2003 gegründete gemeinnützige
Verein Digitale
Kultur e. V. verschrieben. Diesen Jungs geht es darum, das Medium
Computer als Ausdrucks- und Kunstform einem breiteren Publikum bekannt
zu machen. Den Ritterschlag der Anerkennung erhielten sie 2004 mit
der Unterstützung durch das Kulturamt der Stadt Köln,
welche in diesem Jahr fortgesetzt wurde.
Als Sponsoren des Vereins und der Evoke konnten mit ATI Technologies
Inc., Intel und in diesem Jahr auch Microsoft wirklich große
Unternehmen gewonnen werden.
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Im
Bild: Schätzelein ;o) (Tobias Heim), Vorstandsmitglied bei
Digitale Kultur e.V. und zuständig für die Sponsoren |
Darüber hinaus ist der ganze Trubel für die Organisatoren eine
non-profit-Veranstaltung: die Sponsoren geben finanzielle Unterstützung
und Sachpreise dabei, und was nach Deckung aller Kosten übrig ist,
wird am Sonntag noch in die Preise gesteckt. Der Eintrittspreis von 20
€ für das ganze Wochenende liegt, wie uns von verschiedenen
Besuchern bestätigt wurde, freundlicherweise deutlich unter dem üblichen.
Dennoch ist die Vulkanhalle, in der die Party bereits im letzten Jahr
steigen konnte, eine Superlocation: 1000 qm Platz, technisch hervorragend
ausgestattet, verkehrsgünstig gelegen und von einem feinen Cateringservice
beliefert.
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Bei
der Recherche im Vorfeld des Besuches war ich als Autorin zunächst
auf dieses reizende Bild
gestoßen, auf welchem es die einzig sichtbare Dame offenbar vorzieht,
zu telefonieren und zu rauchen, anstatt ebenfalls die Demo anzuschauen
;o) Dem doch etwas asymmetrischen Geschlechterverhältnis soll die
nette Regel "Girls get in for free" abhelfen, und wie uns Faxe
versicherte, sind seit einigen Jahren auch zwei Programmiererinnen, mehrere
Grafikerinnen und Musikerinnen dabei. Den 2. Platz im letzten Jahr gewann
dabei eine PlayStation Programmiererin, was nun durchaus kein Dünnbrettbohren
ist.
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Überhaupt
besticht die Evoke durch eine Atmosphäre, in der man sich nicht
wie plötzlich auf einem fremden Programmiererplaneten gelandet
fühlt. Neben Gratiskaffee ist die Vitaminzufuhr durch einen
bereitstehenden riesigen Obstkorb gesichert. Zudem herrscht gegenseitiges
Vertrauen, so dass niemand um sein Notebook fürchten muss,
während er sich für ein paar Stunden zum Schlafen hinlegt.
Dann schaut einfach der Tischnachbar nach den Gerätschaften. |
Aufgrund der Anfänge der Demoszene in den 80er Jahren gibt es durchaus
auch 40-Jährige, die mitunter sogar die Familie im Wohnwagen dabeihaben,
wenn's zur Evoke geht. Passionierte Demoszener unternehmen sogar mehrwöchige
Europatouren, nutzen also beispielsweise das Combined Ticket, dass einen
günstigen Eintrittspreis zur Evoke und darauffolgend zur Buenzli
in der Schweiz bereitstellt. Neben der Breakpoint an Ostern finden die
Demoszene-Events im August ihren Höhepunkt, wenn in Helsiki auch
noch die Assembly stattfindet.
So kommt schnell ein produktiver internationaler Austausch zustande. Aus
Israel war in diesem Jahr ein junger sehr talentierter Gameboy DS-Programmierer
angereist, der seine Internetbekanntschaften nun auch mal wirklich kennenlernt.
:o)
Neben dem Wettbewerbsgeschehen bietet die Evoke zudem ein reiches Rahmenprogramm,
beispielsweise Auftritte der DJs mo. und Sudio aus der Netlabel-Szene.
Neben den Oldschool-Geräten wie C64 und Amigas wird mittlerweile
alles mögliche programmiert: Handhelds, Handys und sogar Drucker.
Die aktuellste Herausforderung war der Pokémon mini, eine Handheld
Spielekonsole, bei der zunächst der für das Betriebssystem reservierte
Speicher "geknackt" werden musste. Wenn etwas so bahnbrechend
Neues noch in der letzten Minute fertig werden muss, sitzen die Demo-Leute
auch schonmal, den Monitor und den Oberkörper von einem Bettlaken
bedeckt, noch in den Nachtstunden vor der Deadline an ihrem Rechner um
nichts zu verraten! Dabei werden sämtliche für die Evoke produzierten
Demos, Lieder usw. direkt im Anschluss zum Download angeboten.
Ergänzend
dazu stellt Demoscene
TV seit letztem Jahr Live-Berichte von der Party direkt im Internet
zum Anschauen bereit. Dieses Projekt wurde von ADAN (Association
pour le Développement de l'Art Numérique), einer französischen
non-profit Organisation gestartet. |
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Der
Verein Digitale Kultur e. V. will außerdem dafür sorgen, dass
die Nachfolge gesichert wird. So warb er mit einem Vortrag auf der Games
Convention dafür, den Schritt vom "bloßen" Gamer
zum kreativen Programmierer in der Demoszene weiterzugehen. Auf der Evoke
gibt es somit auch einen Nachwuchspreis für Neueinsteiger, dessen
Jury halb mit Demoszenern, halb mit Vereinsmitgliedern besetzt ist. Die
Gewinner des letzten Jahres waren die Mitglieder der Gruppe Titan.
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Ihre
Mitglieder kommen aus Deutschland, den Niederlanden, Schweden, Finnland,
Frankreich, den USA, Israel und Australien. Die Gruppe von über
60 Mitgliedern war mit etwa einem Dutzend in Köln vertreten.
Üblicherweise tauschen sie sich per IRC aus, wie uns Irokos,
der Mitbegründer und Leader von Titan erklärte. Er selbst
ist Grafiker bei der Gruppe, welche aus verschiedenen Divisionen
wie z.B. Art (Grafik), Mobile (für Handydemos), Oldschool (also
z.B. C64 Demos) und PSP (für Playstation).
links
im Bild: EvilJoker, Irokos und Spotter von Titan
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An
der Breakpoint schätzt Irokos, dass sie einfach "fucking
huge" sei. Bei Parties wie der Evoke sei es aber überschaubarer
und nett, Leute von denen man bisher nur den Nickname kannte, im
wirklichen Leben zu treffen, Wissen auszutauschen und Spaß
zu haben. EvilJoker beklagte, dass Bekannte oftmals annehmen, er
ginge wieder zu irgendeiner Gamer Party - wie kreativ und damit
über das Spielen hinausgehend es auf Demoszeneparties zugeht,
weiss Otto Normalnerd oft nicht. Dem will Digitale Kultur e. V.
abhelfen!
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Irokos
beschrieb sein Selbstverständnis als Künstler, der es
gleichzeitig vermag, "to get the machine to its maximum capacity".
Dabei ist eine Komprimierung der Dateien erlaubt. Bei Intro-Wettbewerben,
deren Regeln eine Größe von 4 oder 64 Kilobyte vorschreiben,
muss dieser Speicherplatz ausreichen um das Intro abzuspielen. Eine
Rückverbindung mit dem Internet ist dabei nicht erlaubt.
Spotter berichtete noch von TPOLM, einer finnischen und schon legendären
Demo-Gruppe.
Anschließend
konnten wir die Gewinner des Tischtennis-Turniers, Kai
und Styx, noch mit einer kühlen
Dose JOLT erfrischen :o) |
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Unser
letztes Interview führten wir mit Skyrunner,
unter anderem Mitglied der Gruppe Brain
Control - deren Logo er sowohl auf dem Shirt wie auch als
maßangefertigten Ohrstecker spazieren trug. Er geht seit
8 Jahren auf Demopartys und ist dabei für den musikalischen
Teil zuständig. Als Produktionswerkzeug verwendet er Milky
Tracker (ein unter Windows lauffähiger) Nachfolger vom in
der Szene bekannten Fasttracker.
Angefangen
hat er 1991 auf dem Amiga und es mittlerweile auf eine geschätzte
Anzahl von 300 Tracks gebracht.
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Basis
dafür ist ein vor Jahren absolvierter Klavierunterricht ;o) Er treibt
sich drei- bis viermal jährlich auf Demoszenepartys herum, wobei
er auch Mitglied der Schweizer Gruppe Vantage ist.
Zur Frage, was ihn als Künstler an der Evoke reizt, sagt er: "Man
wird hier weder reich noch superberühmt, aber allein die paar Minuten,
als ich mein eigenes Lied gehört hab ... da freut man sich schon
wie Bolle."
Abschließend: wir danken allen Interviewpartnern für die interessanten
Einblicke in einen Bereich, der jenseits von Nullen und Einsen anschaulich
und hochspannend ist! Hoffentlich finden sich in jeder internationalen
Demo-Gruppe nette Deutsche, die ihrem ausländischen Kumpel von diesem
Artikel berichten können und so mein unzureichendes Englisch ausgleichen
;o) Wir wünschen stets ruckelfreie, partikellastige Demos!
(ke)
14.08.06
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